Mi, 20.04.2011 10:56

Emotionalität bei der Unternehmensnachfolge

Von: Kerstin Ott

Jährlich steht sie tausendfach in Deutschland an. Zahlreiche Arbeitsplätze und Existenzen hängen von ihr ab. Dennoch wird sie hinausgezögert und verdrängt: Die Entscheidung über die Unternehmensnachfolge im Mittelstand.

Menschlich betrachtet ist dieses Verhalten nachvollziehbar, geht es doch nicht selten um die Übergabe des Lebenswerkes durch den Firmengründer. Wirtschaftlich gesehen ist dies jedoch höchst riskant. Denn: Wer zu lange wartet, setzt fahrlässig die Zukunft des eigenen Unternehmens und die der Mitarbeiter aufs Spiel. Unvorhergesehene Ereignisse wie Krankheit oder Tod des Eigentümers können ein Unternehmen führungslos in die Krise, ja in die Insolvenz treiben.

Deshalb ist es wichtig, sich rechtzeitig mit der Nachfolgefrage zu beschäftigen und genügend Zeit für diesen einschneidenden Schritt einzuplanen. Loslassen ist immer eine schwierige Entscheidung. Es erfordert Mut, Überwindung und Überzeugungsarbeit. Alleine die Tatsache anzuerkennen, dass man nicht mehr der Jüngste ist und Vorsorge bezüglich Fortbestands des Unternehmens treffen muss, ist für viele Chefs ein Problem und dauert unter Umständen Jahre.

Wie kann man diesen Prozess nun positiv gestalten? Eine Grundvoraussetzung für einen möglichst sanften Übergang ins Privatleben ist, sich frühzeitig Gedanken über die Aktivitäten nach der Karriere zu machen. Lang geplante Reisen mit dem Partner, mehr Freiraum für Hobbys, Familie und Freunde – all das ist nun möglich. Dinge, für die man Jahre lang wenig Zeit hatte und für später aufgehoben hat. Dieser Zeitpunkt ist irgendwann erreicht und man sollte sich darauf freuen. Wer viel geleistet und erreicht hat, darf auch die Früchte seines Erfolgs genießen.

Ist der Nachfolgeprozess bewusst angeschoben worden, stellt sich natürlich auch die Frage nach dem geeigneten Kandidaten. Wichtigste Auswahlkriterien sollten dabei die Befähigung und der Wille des Nachfolgers sein, das Unternehmen und seine Mitarbeiter in eine sichere Zukunft führen zu wollen. Erfahrungsgemäß stehen die Kinder meist als erste Kandidaten zur Wahl. Doch es ist fatal anzunehmen, der Sohn oder die Tochter werde allein aus Traditionsbewusstsein den elterlichen Betrieb weiterführen. Viele Kinder haben andere berufliche Wünsche, die man respektieren sollte, auch wenn man anfangs enttäuscht ist. Zudem ist nicht jeder Nachkomme zum Unternehmer geboren. Manche arbeiten zwar gerne im Familienbetrieb, allerdings ohne die gesamte Verantwortung für das Unternehmen tragen zu müssen.

Es ist deshalb ratsam, auch einen externen Nachfolger in Erwägung zu ziehen. Hilfestellung bei der Suche und Auswahl eines geeigneten Kandidaten, der den Fortbestand des Unternehmens sichert und zur Unternehmenskultur passt, können hierbei professionelle Berater bieten. Diese fachmännische Unterstützung wird leider noch viel zu selten in Anspruch genommen. Doch Unterstützung von außen ist oftmals richtig und wichtig. Ist beispielsweise eine Veräußerung geplant, so können Berater, dank ihres Netzwerks und ihrer Erfahrung, meist interessante Käufer und Lösungen unterbreiten, an die der Noch-Inhaber gar nicht gedacht hat. Positiver Nebeneffekt: Nicht selten kann durch die professionelle Verhandlungsweise eines Experten auch ein höherer Verkaufserlös erzielt werden.

Geht der Betrieb an ein Kind über, unterschätzen viele die hohe Komplexität der Nachfolgeregelung und die teils hohe Emotionalität unter den Beteiligten. Beziehungsgeflechte, Zu- und Abneigung und Konflikte innerhalb der Familie können die Wahl des Nachfolgers negativ beeinflussen. Externe Berater können hier vermitteln und die objektiv beste Lösung für das Unternehmen vorschlagen.

Ob interne oder externe Lösung: Die Nachfolgeregelung muss klare Verhältnisse schaffen. Ein neuer Geschäftsführer, der auf Zuruf des eigentlich im Ruhestand befindlichen Ex-Unternehmers reagiert, ist ebenso fehl am Platz wie ein ehemaliger Gründer, der sich permanent in die Entscheidungen der neuen Geschäftsleitung einmischt. Die Umsetzung innovativer Ideen und neuer Strategien muss dem ehemaligen Chef nicht immer gefallen, gehören nach einer Unternehmensübergabe aber mit dazu und sind auch zu begrüßen. Nicht selten sind sie sogar notwendig, um die sich wandelnden Bedürfnisse der Kunden zu befriedigen und am Markt bestehen zu können.

Fazit: Damit es im Nachhinein nicht zu einer bösen Überraschung kommt, sollten im Vorfeld einer Unternehmensübergabe sämtliche Optionen in Betracht gezogen und genau geprüft werden.  Dieser Prozess kann  langwierig und schwierig sein. Wer jedoch rechtzeitig die Zukunft seines Unternehmens professionell plant und aktiv gestaltet, der kann auch guten Gewissens seinen wohlverdienten Ruhestand genießen.

Zur Autorin: Kerstin Ott ist seit 2002 als Projektleiterin im Bereich Financial Advisory Services für die seneca Corporate Finance GmbH (ehem. Rödl & Partner) tätig. Zu ihrem fachlichen Schwerpunkten gehören Unternehmensanalyse, Business Pläne, Unternehmensbewertungen sowie die allgemeine Transaktionsberatung. Weitere Informationen sind unter www.seneca-cf.de abrufbar.