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Vermischtes | Fr, 04.12.2009 09:48

3. Trochtelfinger Tafelrunde: Grüne Gentechnik kann das Hungerproblem nicht lösen

Nach dem Welternährungsgipfel in Rom hat das Thema Hunger in den Medien wieder kurzzeitig an Bedeutung gewonnen. Die Zahl der Menschen, die nicht ausreichend mit Lebensmitteln versorgt sind, ist auf über 1 Milliarde gestiegen. Diese Tatsache macht betroffen und wird deshalb gerne ignoriert. Umso erfreulicher war die Resonanz auf die Einladung zur 3. Trochtelfinger Tafelrunde, der am Mittwochabend rund 100 Gäste ins Alb-Gold Kundenzentrum nach Trochtelfingen folgten.

Manfred Ladwig, Prof. Dr. Suman Sahai, Dr. Rudolf Buntzel und Klaus Freidler (v.l.n.r.)diskutierten mit Gästen über Armut, Hunger und Agro-Gentechnik (Foto: Alb-Gold).

Manfred Ladwig, Prof. Dr. Suman Sahai, Dr. Rudolf Buntzel und Klaus Freidler (v.l.n.r.)diskutierten mit Gästen über Armut, Hunger und Agro-Gentechnik (Foto: Alb-Gold).


Bereits am Nachmittag wurden in einem Fachgespräch aktuelle Fragen zur Pflanzenzüchtung und Gentechnik und Chancen für hochwertige regionale Lebensmittel diskutiert, bei der sich Bauern, Berater und Unternehmer aus der Lebensmittelverarbeitung über den aktuellen Stand informierten.

Wie hängen Armut, Hunger und Agro-Gentechnik zusammen? Was kann ich als einzelner tun, um mit meinem Handeln zur Lösung des Problems beizutragen? Diese Fragen sollte auf dem Podium erörtert und mit den Teilnehmern diskutiert werden. Alb-Gold Firmenchef Klaus Freidler konnte mit Frau Professor Dr. Suman Sahai und Dr. Rudolf Buntzel zwei international renommierte Experten gewinnen, die unter der Leitung von Moderator Manfred Ladwig, dem erfahrenen Journalisten und ausgewiesenen Globalisierungsexperten des SWR, interessante Einblicke in die globalen Zusammenhänge gewährten.

Wahrer Hunger ist heute nur noch für wenige der Gäste eine persönliche Erfahrung, stellte Ladwig gleich zu Beginn fest. Er reflektierte das Thema in einem globalen Zusammenhang und positionierte es in ein „Planquadrat der politischen und wirtschaftlichen Interessen“: Die Situation in kleinbäuerlich geprägten und wirtschaftlich armen Regionen in Ländern des Südens ist unmittelbar abhängig davon, in welcher Weise der Welthandel die Preise für Lebensmittel prägt.

Prof. Dr. Suman Sahai, Humangenetikerin an der Universität Heidelberg und Direktorin der Gene Campaign in Indien, und Dr. Rudolf Buntzel, Beauftragter für Welternährungsfragen des Evangelischen Entwicklungsdienstes, brachten es auf den Punkt: Es ist genug für alle da. Buntzel erläutert die Problematik am Beispiel der Entwicklungsländer: Obwohl genügend Agrarflächen vorhanden sind, werden auf den Feldern Energiepflanzen oder Früchte angebaut, um diese für gutes Geld nach Europa oder in die USA zu exportieren. Weizen, Mais und Milchpulver werden im Gegenzug zur Nahrungsversorgung aus Europa und den USA zu sehr niedrigen Preise importiert. Steigen die Preise für importierte Waren, wie zuletzt verursacht durch die Lebensmittelknappheit im Jahr 2007, können sich Menschen mit niedrigem Einkommen und wenig Land nicht mehr ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgen. Die Folge ist, dass viele Bauern und Landarbeiter an Hunger leiden, obwohl eigentlich genügend Fläche und ein passendes Klima zur Selbstversorgung vorhanden wäre.

In diesem Zusammenhang hat, so die Genetikerin Sahai, die Gentechnik zunächst keine Bedeutung, „Hunger entsteht aus dem Konflikt reich gegen arm, nicht durch eine Technologie“. Wenn aber die Flächen für die eigene Ernährung fehlen, weil diese für den großflächigen Anbau von Exportware genutzt werden, so entsteht ein Konflikt. Insofern nimmt die Gentechnik hier erheblichen Einfluss auf die Situation der Landwirte und der Bevölkerung. Durch die Grüne Gentechnik wird die Landwirtschaft rationalisiert, es braucht weniger Arbeitsgänge, wenn auf riesigen Sojafeldern in Argentinien und Brasilien nur ein spezielles Unkrautmittel gespritzt werden muss. Doch diese einseitige Landwirtschaft hat zur Folge, dass die Ökologie vor Ort aus dem Gleichgewicht gerät und weitere Regulierungen mit Chemie nötig wird.

Buntzel und Sahai stellten sich vehement gegen die weit verbreitete Meinung, dass die Grüne Gentechnik die Nahrungsmittelsicherheit - und vor allem die Erträge - steigern würde. Bislang wurde noch keines der Versprechen eingehalten und die Bauern geraten in ein immer größere wirtschaftliche Abhängigkeit von den Unternehmen, die das Gentechnik- Saatgut verkaufen und die dazu notwendigen chemischen Spritzmittel für den Anbau.

Für Klaus Freidler ist die Situation eindeutig. Er sieht in der Vorgehensweise der Agro- Konzerne das Bestreben, die Lebensmittelkette weltweit zu kontrollieren. Durch teilweise sehr zweifelhafte Methoden werden Landwirte von der Verwendung der neuen Technologie „überzeugt“. Zum Teil wird patentiertes Saatgut anfangs zu niedrigen Preisen angeboten, um nach einer gewissen Einführungsphase - wenn ein bestimmter Grad der Abhängigkeit entstanden ist - dann die Preise zu erhöhen und Patentgebühren zu nachzufordern. Freidler hat Angst davor, dass sein Unternehmen am Ende keine andere Wahl mehr hat, als gentechnisch manipulierte Rohstoffe zu verarbeiten, weil auf dem Weltmarkt gar nichts anderes mehr angeboten wird. In diesem Zug wird auch die Wahlfreiheit des Verbrauchers wegfallen. Er gab zu bedenken, dass jeder einzelne von uns die Chance hat, die Verbreitung der Gentechnik in Lebensmitteln aufzuhalten. Die Möglichkeit der Einflussnahme durch die Konsumenten darf nicht unterschätzt werden. Wenn natürliche Lebensmittel nachgefragt werden und die genveränderten Produkte im Regal liegen bleiben, wird auch das Angebot zurückgehen bzw. ganz vom Markt genommen. Der Unternehmer rät dazu, genauer auf die Packung zu schauen und bewusst beispielsweise Produkten mit dem neuen „Ohne Gentechnik-Logo“ zu kaufen.

Nach der knapp zweistündigen Diskussion konnten sich die Gäste noch bei einem gentechnikfreien Imbiss stärken und die im Foyer des Kundenzentrums aufgebaute Ausstellung „Niemand isst für sich alleine“ von Brot für die Welt anschauen. In einer Einführung lud Ulrich Gundert, Leiter der Programmabteilung bei Brot für die Welt, die Leute dazu ein bewusst und fair einzukaufen. Er rief nicht zum Verzicht auf, sondern zum respektvollen Umgang mit den Lebensmitteln. Die Informationssammlung wird bei Alb-Gold noch zwei weitere Wochen zu sehen sein. Abgerundet wurde das Breite Informationsangebot von einem Stand des Ernährungszentrums Oberschwaben, an dem das Thema der Lebensmittelkennzeichnung durchleuchtet wurde. Auch im nächsten Jahr sind weitere Informationsveranstaltungen zum Thema Lebensmittel ohne Grüne Gentechnik bei Alb-Gold geplant.

(Redaktion)