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Wirtschaft | Di, 26.05.2009 10:57

Auch in der Krise auf Bildung setzen

Expertenhearing zum Thema Fachkräfte vor dem Wirtschaftsausschuss der Regionalversammlung der Region Stuttgart / Regionales Projekt Aquares wird auf weitere Branchen ausgeweitet


Die Unternehmen der Region sollen auch in der Krise aus- und weiterbilden, um dem zu erwartenden Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Dafür haben sich am Mittwoch Experten bei einer Anhörung vor dem Wirtschaftsausschuss der Regionalversammlung ausgesprochen.

Von einer paradoxen Situation sprach der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH (WRS), Dr. Walter Rogg. Einerseits müssten in der Krise viele Firmen kurzarbeiten oder gar entlassen. Andererseits stehe der Fachkräftemangel bereits vor der Tür. „Die Krise wird vorübergehen – aber die demografische Entwicklung ist unaufhaltsam“, sagte Rogg. Speziell den Absolventen der Ingenieurs- und Naturwissenschaften müsse eine Chance für den Berufseinstieg eröffnet werden, um auch künftig junge Menschen zu einem entsprechenden Studium zu ermutigen. Hier konnte Eberhard Häfele von der Regionaldirektion Baden-Württemberg der Bundesagentur für Arbeit ein neues Instrument der Bundesagentur ankündigen: Ab sofort können Hochschulabsolventen technischer und naturwissenschaftlicher Fachrichtungen über Kurzarbeit und Qualifizierung beschäftigt werden und erhalten so zusätzliche Einstiegschancen.

Diese neue Möglichkeit begrüßt Dr. Gerhard Rübling, Arbeitsdirektor beim Ditzinger Werkzeugmaschinenhersteller Trumpf aus eigener Erfahrung. In der Krise der 90er Jahre hatte das Unternehmen drei Jahre lang keine Ingenieure eingestellt „mit der fatalen Folge, dass uns zuerst die Fachkräfte und anschließend die Führungskräfte gefehlt haben“. Das neue Instrument hat bei Trumpf konkrete Folgen: „Wir werden 20 Absolventen einstellen, die wir sonst nicht eingestellt hätten.“

Er schilderte die vielfältigen Aktivitäten seiner Firma zur Fachkräftesicherung. Schon im Grundschulalter setzt die Wissensfabrik an, die wirtschaftliches und technisches Interesse wecken, speziell auch bei Mädchen. Um die eigenen Mitarbeiter zu halten, setzt das Unternehmen auf Weiterbildung und attraktive Arbeitsplätze: „Je weniger Fachkräfte wir verlieren, desto weniger müssen wir einstellen.“

Dr. Iris Möller vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg plädierte dafür, Frauen stärker ins Berufsleben einzubinden. Als mögliche Maßnahmen nannte sie, die Kinderbetreuung auszuweiten, die Arbeitszeitgestaltung weiter zu flexibilisieren und technische Berufe für Frauen attraktiver zu machen. Auch der Anteil älterer Arbeitnehmer sei in Deutschland gering.

Dr. Martin Frädrich von der IHK Region Stuttgart und Dr. Bernd Stockburger von der Handwerkskammer stellten die Fachkräftesicherung durch Bildung, Ausbildung und Weiterbildung in den Vordergrund.

In der anschließenden Debatte stellte CDU-Regionalrat Michael Euchner die Frage, die wie Region Stuttgart ihre Qualitäten so herausstellen könne, dass die für Fachkräfte aus anderen Regionen attraktiv ist. Ilse Majer-Wehling (Bündnis 90/Grüne) wollte wissen, welche Maßnahmen zur Hebung der Frauenerwerbsquote wirksam sind. Andreas Hesky (Freie Wähler) will vorhandene Informationen zur Fachkräftesicherung besser in die Unternehmen transportieren, zum Beispiel über die regionalen Kompetenz- und Innovationszentren. Jürgen Hestler (SPD) beklagte die mangelnde Berufsinformation an vielen Schulen und regte eine Initiative der regionalen Wirtschaftsförderung für Bildungspartnerschaften mit Unternehmen an. Bei allen Aktivitäten zur Fachkräftesicherung forderte Jürgen Hofer für die FDP ein abgestimmtes Vorgehen mit den anderen Akteuren in der Region. Für die Fraktion der Republikaner stellte Ulrich Deuschle die Frage, ob eine weitere Rationalisierung in der Produktion zusätzliche Spielräume eröffnen könne.

Als erfolgreiches regionales Anwendungsbeispiel für praxisnahe berufliche Qualifizierung gilt das Projekt Aquares (Aktionsplan Qualifizierungsbedarf Region Stuttgart) unter Federführung der regionalen Wirtschaftsförderung. Dort war in der Logistikbranche und im Maschinenbau zunächst der Qualifizierungsbedarf von kleinen und mittleren Unternehmen erfragt worden, um anschließend passgenaue Qualifizierungsangebote aufzubauen. Nach den positiven Erfahrungen soll Aquares auf den Fahrzeugbau und die Clean-Tech-Branche und möglicherweise auf die Gesundheitswirtschaft ausgeweitet werden. Dies beschloss der Wirtschaftsausschuss einstimmig.

(Quelle: WRS)