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Wirtschaft | Do, 14.06.2012 06:59

Deutsche Konjunktur behauptet sich in schwachem Umfeld

Das RWI (Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung e.V.) erhöht seine Konjunkturprognose für Deutschland leicht und rechnet für das laufende Jahr mit einem Wirtschaftswachstum von 1,1%. Im März war man noch von 1,0% ausgegangen. Vor allem die kräftige Expansion im ersten Quartal war für die Erhöhung ausschlaggebend. Für das zweite Quartal 2012 zeichnet sich eine geringere Zunahme des BIP ab. Das RWI erwartet für 2013 ein BIP-Wachstum von 2,0%, dann dürften die weiterhin niedrigen Zinsen die deutsche Wirtschaft verstärkt stimulieren. Die Beschäftigung sollte weiter steigen, in diesem Jahr langsam, im nächsten Jahr dann stärker. Die Lage der öffentlichen Haushalte sollte sich im Prognosezeitraum weiter verbessern.


Die deutsche Wirtschaft steht im Frühsommer 2012 unter dem Einfluss zweier gegenläufiger Tendenzen. Einerseits hat sich das internationale Umfeld spürbar eingetrübt. In den Schwellenländern wie auch in den USA hat die Expansion allem Anschein nach an Tempo verloren. Im Euro-Raum haben sich die Probleme bei den Staatsfinanzen verstärkt. Die Produktion war dort zuletzt rückläufig und könnte sich in einer Rezession befinden. Andererseits sind die binnenwirtschaftlichen Rahmenbedingungen hierzulande unverändert gut. Die Beschäftigung ist bis zuletzt gewachsen. Gestärkt wird die Kaufkraft der privaten Haushalte auch dadurch, dass die Rohstoffnotierungen in den vergangenen Wochen rückläufig waren, wodurch sich der Preisanstieg voraussichtlich verlangsamen wird. Außerdem sind die ohnehin schon niedrigen Zinsen weiter gesunken, was insbesondere die Bautätigkeit stimulieren dürfte. Allerdings schlägt die Krise in Europa im wachsenden Maße auch auf die deutsche Konjunktur durch. So war der Auftragseingang aus den Ländern des Euro-Raums zuletzt rückläufig, und das Geschäftsklima hat sich spürbar eingetrübt. Dies führt aller Erfahrung nach dazu, dass sich die Unternehmen bei ihren Investitionen zurückhalten.

Treibende Kraft der deutschen Konjunktur wird in diesem und im kommenden Jahr voraussichtlich die Binnennachfrage sein. Insbesondere die Bauinvestitionen und der private Konsum dürften kräftig ausgeweitet werden. Die Ausrüstungsinvestitionen hingegen sollten aufgrund der großen Verunsicherung unter den Unternehmen in diesem Jahr zunächst sinken und erst im weiteren Verlauf zunehmen. Obwohl die Exporte vermutlich nur schwach expandieren, wird der Außenbeitrag in diesem Jahr voraussichtlich leicht zur Ausweitung des BIP beitragen. Aufgrund der rückläufigen Ausrüstungsinvestitionen und schwacher Auslandsabsätze dürften nämlich die Einfuhren in der ersten Hälfte von 2012 noch stärker zurückgehen als die Ausfuhren.

Dank der schwächeren Konjunktur könnte der Aufschwung am Arbeitsmarkt in diesem Jahr zwar ins Stocken kommen. Da jedoch in vielen Bereichen Arbeitskräfte knapp sind, werden die Unternehmen auch weiterhin bemüht sein, ihr Personal zu halten, notfalls unter Hinnahme eines vorübergehenden Rückgangs der Produktivität. Da von der kräftigen Inlandsnachfrage arbeitsintensive Sektoren überdurchschnittlich profitieren, dürfte die Erwerbstätigkeit weiterhin zunehmen, wenn auch schwächer als im vergangenen Jahr. 2013 wird sich der Beschäftigungsaufbau wieder beschleunigen. Die Arbeitslosigkeit wird wohl weiterhin langsamer abgebaut als dies die Beschäftigungsentwicklung nahe legen würde, auch weil es aufgrund der im europäischen Vergleich guten Lage am deutschen Arbeitsmarkt erneut zu einer nennenswerten Zuwanderung kommen dürfte.

Mit der schwächeren Konjunktur und rückläufigen Preisen an den Rohstoffmärkten dürfte sich der Preisauftrieb verlangsamen. Für den Jahresdurchschnitt 2012 erwarten wir einen Anstieg der Verbraucherpreise um 1,9%, für 2013 einen um 1,7%. Die Lage der öffentlichen Finanzen sollte sich 2012 und 2013 weiter etwas verbessern, da die Struktur der Expansion weiterhin steuerergiebig ist, zumal es aufgrund der anhaltenden Preissteigerungen weiterhin zu heimlichen Steuererhöhungen kommen wird. Die Defizitquote wird voraussichtlich auf 0,3% in diesem Jahr sinken. Im kommenden Jahr dürfte ein ausgeglichener Haushalt erreicht werden.

Alles in allem wird die deutsche Konjunktur nach der Belebung im ersten Quartal vermutlich einen leichten Rückschlag erleiden. Ein Abgleiten in eine Rezession halten die Experten des RWI allerdings für wenig wahrscheinlich. Jedoch bleiben die Abwärts-Risiken beträchtlich. Insbesondere im Euro-Raum könnte es aufgrund der ungelösten Probleme bei den Staatsfinanzen immer wieder zu Turbulenzen kommen, die die Rezession dort verschärfen können. Verlangsamt sich zudem die Konjunktur im asiatischen Raum stärker als hier unterstellt, könnte auch Deutschland in eine Rezession geraten.

(Redaktion)