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Wirtschaft | Di, 11.12.2012 08:57

Deutsches Ausbildungssystem schneidet im internationalen Vergleich sehr gut ab

In Deutschland finden weitaus mehr Berufsanfänger schnell eine Stelle als in anderen Ländern. Auch sind fehlende finanzielle Mittel seltener eine Hürde beim Anstreben eines weiterführenden Bildungsabschlusses. In kaum einem anderen Land ist die berufliche Ausbildung im Vergleich zu einer akademischen Laufbahn so hoch angesehen wie in Deutschland. Dies sind die zentralen Ergebnisse einer internationalen Studie von McKinsey & Company mit dem Titel "Education to Employment".


Die Studie zeigt jedoch auch Schwächen des deutschen Systems auf: „Nirgendwo sonst auf der Welt klaffen die Meinungen von Arbeitgebern und Bildungseinrichtungen über die Qualität von Absolventen so weit auseinander wie in Deutschland“, sagt McKinsey-Bildungsexperte Kai Holleben. Studenten und Auszubildende in Deutschland starteten ihre Ausbildung zudem meist vergleichsweise wenig informiert. Auch die demografische Entwicklung macht sich in Deutschland bereits jetzt bemerkbar: „Berufsschulkollegien sind massiv überaltert - jeder dritte Berufsschullehrer ist bereits über 50 Jahre alt“, mahnt Holleben.

Der deutsche Arbeitsmarkt sieht für junge Menschen im internationalen Vergleich sehr gut aus: Die Arbeitslosenquote unter Jugendlichen liegt bei unter 10% und damit um die Hälfte niedriger als im OECD-Schnitt von ca. 19%. „Als wesentlicher Erfolgsfaktor wird dabei von Experten stets das deutsche duale System der Berufsausbildung genannt, das die deutschen Berufsanfänger besser auf den Eintritt in die Arbeitswelt vorbereitet“, beschreibt McKinsey-Berater Holleben die Situation.

Die Studie belegt die Vorteile dieses Systems: Berufseinsteiger finden schneller als ihre Altersgenossen in allen anderen betrachteten Ländern eine dauerhafte Arbeit: 70% der befragten jungen Berufstätigen in Deutschland hatten spätestens drei Monate nach der Ausbildung einen Anstellungsvertrag in der Tasche. Diese Werte liegen deutlich über dem Mittelwert der analysierten Länder (54%).

Im internationalen Vergleich spielen auch die Kosten einer Berufsausbildung eine weitaus geringere Rolle als in anderen Ländern. In Deutschland geben nur 17% der befragten Jugendlichen an, wegen fehlender finanzieller Mittel keine weiterführenden Bildungsabschlüsse anzustreben. Im internationalen Durchschnitt beträgt dieser Wert 31%. Gründe für den guten Wert in Deutschland sind nach Ansicht von McKinsey-Berater Holleben die im Vergleich moderaten Studiengebühren und die Tatsache, dass Auszubildende eine Vergütung erhalten.

Eine abgeschlossene Berufsausbildung "on the job" wird in allen Ländern als bessere Vorbereitung auf das Berufsleben gesehen als ein akademischer Abschluss (69% zu 31%). Zugleich wird aber das Hochschulstudium höher angesehen als eine berufliche Ausbildung (64% zu 36%). Auffallend dabei: Deutschland ist das einzige Land, in dem sich die Anerkennung und Wertschätzung von Hochschulabschlüssen (51% Präferenz) und beruflicher Ausbildung (49% Präferenz) etwa die Waage halten.

Trotz des relativ guten Abschneidens zeigt die Studie nach Ansicht von Holleben auch Schwächen des deutschen Ausbildungssystems. „Die Frage, ob Berufsteinsteiger gut für den Einstieg in das Arbeitsleben vorbereitet sind, beantworten nur 43% der Arbeitgeber positiv.“ Dieser Wert liege im internationalen Vergleich trotz intensiver Einbindung der Arbeitgeber in die berufliche Ausbildung nur im Mittelfeld. Saudi-Arabien (55%), Indien (51%), USA (50%) und die Türkei (49%) weisen höhere Werte auf.

Auch die Meinungen von Arbeitgebern und Bildungseinrichtungen über die Einsatzbereitschaft von Absolventen klaffen in Deutschland weit auseinander. Während Arbeitgeber diese mit 43% skeptisch werten, sind die Bildungseinrichtungen mit 83% Zustimmung deutlich optimistischer. „Diese Diskrepanz in der Wahrnehmung gibt es überall auf der Welt, aber nirgends ist sie so groß wie in Deutschland“, betont Holleben. Sein Fazit: „Der Austausch zwischen Arbeitgebern und Bildungseinrichtungen, z.B. Berufsschulen, über die Anforderungen an Berufsanfänger funktioniert nicht optimal.“

Als weiteres Manko stellt die Studie fest, dass Studenten und Auszubildende in Deutschland ihre Ausbildung mit zu wenigen Informationen starten. Nur 43% der befragten Jugendlichen gaben an, über die Konsequenzen der Wahl ihres Ausbildungsgangs zum Beispiel auf die Berufsaussichten oder das Einstiegsgehalt informiert zu sein, als sie sich entschieden haben. Dieser Wert liegt unter dem Durchschnitt (45%), vor allem aber niedriger als in erfolgreichen Schwellenländern wie Brasilien (51%), Mexico (50%) oder Indien (50%).

„Das deutsche Ausbildungssystem ist sehr gut. Wir müssen an den Schwächen aber gezielt arbeiten, um die Qualität zu erhalten und weiter auszubauen“, sagt McKinsey-Berater Holleben. Die Qualität der beruflichen Ausbildung müsse verbessert werden, indem in die Einrichtungen und das Lehrpersonal an Berufsschulen wieder mehr investiert werde.

Entscheidend sei zudem, dass die Bildungseinrichtungen das Anspruchsniveau der Arbeitgeber besser verstünden. Das funktioniere nur im direkten und gezielten Dialog. Das duale System und die zunehmende Zahl betrieblicher Pflichtpraktika in Studiengängen auf Grund des Bologna-Prozesses sollten dafür eine gute Plattform bilden. Schließlich müsse die Transparenz bei Entscheidungen der Wahl des Studien- bzw. Ausbildungsganges verbessert werden, so Holleben weiter.

Für die Studie führte McKinsey in neun Ländern weltweit mehr als 8.000 Interviews zur Ausbildungsmarktsituation durch. Neben Deutschland waren dies Großbritannien, USA, Brasilien, Indien, Saudi Arabien, Mexiko, Türkei und Marokko. In jedem Land wurden repräsentativ Stichproben von jungen Menschen im Alter von 15 bis 29 Jahren, Arbeitgebern und Vertretern von Bildungseinrichtungen dazu befragt, wie sie die Vorbereitung auf das Berufsleben einschätzen. Auch nach welchen Kriterien sie wichtige Entscheidungen am Übergang vom Bildungssystem in den Arbeitsmarkt treffen und wie sie Zukunftschancen sehen wurde abgefragt.

(Redaktion)