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Vermischtes | Do, 12.11.2009 09:08

Die Einwohnerzahl Baden-Württembergs könnte bis zum Jahr 2060 auf 9,1 Millionen zurückgehen

Die Bevölkerungszahl in Baden-Württemberg ist im vergangenen Jahr – erstmals wieder seit 1984 – zurückgegangen. Nach der von der Demographiebeauftragen der Landesregierung, Staatsrätin Dr. Claudia Hübner und von Werner Brachat-Schwarz, dem Bevölkerungsexperten im Statistischen Landesamt, auf einer gemeinsamen Pressekonferenz in Stuttgart vorgestellten neuen Bevölkerungsvorausrechnung wird sich dieser Rückgang in den kommenden Jahrzehnten sogar noch beschleunigen. Aus heutiger Sicht könnte die Einwohnerzahl des Landes bis zum Jahr 2060 um rund 1,6 Mill. auf nur noch 9,1 Mill. zurückgehen. Die Einwohnerzahl im Südwesten läge dann nur noch so hoch wie Anfang der 70er-Jahre.

Die demografische Zeitenwende: Seit 2000 mehr ältere als jüngere Menschen in Baden-Württemberg (Quelle: Stat. Landesamt)

Die demografische Zeitenwende: Seit 2000 mehr ältere als jüngere Menschen in Baden-Württemberg (Quelle: Stat. Landesamt)


Jahrzehntelang ist die Bevölkerungszahl des Landes fast stetig angestiegen. Der Südwesten hatte aufgrund der enormen Zuwanderung das mit Abstand stärkste stärkste Bevölkerungswachstum der alten Bundesländer seit Anfang der 50er-Jahre erzielt (+64 Prozent). Hessen und Bayern folgen mit einem Plus von 40 Prozent bzw. 38 Prozent. Hinzu kam, dass Baden-Württemberg aufgrund seiner relativ jungen Bevölkerung in den Jahren 2001 bis 2005 das einzige Bundesland war, das noch einen Geburtenüberschuss erzielen konnte; seit 2006 übetrifft aber auch im Südwesten die Zahl der Gestorbenen diejenige der Geburten. Im Bundesgebiet sterben dagegen bereits seit 1972 mehr Menschen als Kinder geboren werden.

Künftig ist jedoch aufgrund der Altersstruktur der Bevölkerung zu erwarten, dass sich das derzeit noch geringe Geburtendefizit in den nächsten Jahren stetig vergrößern wird. Hinzu kommt, dass aus heutiger Sicht nicht davon auszugehen ist, dass sich die derzeit relativ geringen Wanderungsgewinne in den nächsten Jahren wieder deutlich erhöhen werden. Aber auch für den Fall, dass die jährlichen Wanderungsgewinne von derzeit lediglich knapp 5 000  auf 20 000 Personen steigen würden, würde dies nicht zu einer Trendumkehr in der Bevölkerungsentwicklung führen. Vielmehr würde dies lediglich eine Abschwächung des Bevölkerungsrückgangs bewirken.

Mit Beginn des neuen Jahrhunderts gab es Ende 2000 die historische Zäsur, dass erstmals seit Bestehen des Landes hier mehr 60-Jährige und ältere Menschen (2,36 Mill.) lebten als unter 20-Jährige (2,34 Mill.). Von Ende 2000 bis Ende 2008 ist der Bevölkerungsanteil der unter 20-Jährigen von 22 Prozent auf 20 Prozent gesunken, während der Anteil der 60-Jährigen und Älteren in diesem Zeitraum um einen Prozentpunkt auf 24 Prozent zugenommen hat. Diese Entwicklung wird künftig fortschreiten und lässt sich voraussichtlich nicht mehr umkehren. Der Anteil der unter 20-Jährigen wird aus heutiger Sicht bis 2030 auf 17 Prozent sinken und im Jahre 2060 nur noch bei knapp 16 Prozent liegen. In einer gegenläufigen Entwicklung würde der Bevölkerungsanteil der 60-jährigen und Älteren von derzeit 24 Prozent auf 38 Prozent in 2060 ansteigen. Bereits ab dem Jahr 2030 wäre die nachwachsende Generation (unter 20 Jahren) nur noch halb so stark in unserer Gesellschaft vertreten wie die ältere Generation (60 und mehr Jahre).

Obwohl für den gesamten Vorausrechnungszeitraum eine konstante Geburtenrate unterstellt wurde, wird die Zahl der Geburten und damit in der Folgezeit die Zahl der Kinder im Kindergarten- bzw. Schulalter aufgrund der sinkenden Besetzungsstärken bei den Frauen im gebärfähigen Alter weiter zurückgehen. Im Jahr 2008 gab es noch 342 000 Kinder im Kindergartenalter; deren Zahl wird bis zum Jahr 2030 um etwa 12 Prozent zurückgehen; in den Folgejahren könnte sich dieser Rückgang sogar noch beschleunigen. Am Ende des Vorausrechnungszeitraums im Jahr 2060 könnten es dann nur noch 241 000 Kinder sein.

Der Rückgang der Kinderzahlen setzt sich zeitlich verschoben im Schulbereich fort. Aus heutiger Sicht wird die Zahl der 6- bis unter 18-Jährigen, die den Schülern an allgemeinbildenden Schulen zugerechnet werden können, bis 2030 um ein Fünftel zurückgehen; zwischen 2030 und 2060 könnte die Besetzung dieser Altersgruppe um ein weiteres Fünftel absinken. Anstelle von knapp 1,4 Mill. Kindern und Jugendlichen im Schulalter würde diese Bevölkerungsgruppe dann nur noch 0,9 Mill. Personen umfassen.

Für sozial- und speziell altenpolitische Planungen ist es von besonderer Bedeutung, dass künftig die Zahl älterer und vor allem hochbetagter Menschen deutlich ansteigen wird. Immer mehr Männer und Frauen erreichen ein hohes Alter. Das Statistische Landesamt hat für die 85-Jährigen und Älteren – den Hochbetagten – eine überdurchschnittlich starke Zunahme ermittelt. Innerhalb der nächsten drei Jahrzehnte dürfte sich ihre Zahl verdoppeln. Dann wären rund 470 000 Einwohner des Landes 85 Jahre oder älter; Ende 2008 waren es etwa 235 000. Langfristig würde sich ihre Zahl im Vergleich zu heute sogar mehr als verdreifachen. Im Jahre 2060 gäbe es dann rund 740 000 Hochbetagte in Baden-Württemberg. Da es sich hierbei um eine Bevölkerungsgruppe mit einem hohen Pflegerisiko handelt, dürfte künftig auch die Zahl der Pflegebedürftigen deutlich ansteigen. Bereits von 1950 Jahr 2008 ist das Durchschnittsalter der Bevölkerung um rund acht Jahre gestiegen – von etwa 34 Jahre auf gut 42 Jahre. Und dieser Alterungsprozess wird sich in Zukunft fortsetzen. Bis zum bis zum Jahr 2060 ist mit einem weiteren Anstieg des Durchschnittsalters um gut 7 Jahre auf dann knapp 50 Jahre zu rechnen.

Zu den Annahmen der neuen Bevölkerungsvorausrechnung:

Geburtenrate

Seit rund 30 Jahren verzeichnet Baden-Württemberg ein anhaltend niedriges Geburtenniveau. Die durchschnittliche Kinderzahl je Frau liegt seit Mitte der 70er-Jahre in dem engen Schwankungsbereich von 1,3 bis 1,5 Kindern je Frau. Damit fehlt seit drei Jahrzehnten etwa ein Drittel der Geburten, die erforderlich wären, um auf längere Sicht die Bevölkerungszahl ohne nennenswerte Zuwanderungen konstant zu halten. Gegenwärtig liegen keine Anhaltspunkte für eine nachhaltige Änderung der Geburtenhäufigkeiten im Lande vor, obwohl andere Länder wie beispielsweise Frankreich mit 2,0 Kindern je Frau eine deutlich höhere Kinderzahl aufweisen. Die Rechnungen gehen davon aus, dass wie in den vergangenen Jahren auch künftig im Durchschnitt 1,37 Kinder je Frau im Lande geboren werden.

Lebenserwartung

In den vergangenen knapp sechs Jahrzehnten hat die durchschnittliche Lebenserwartung Neugeborener um rund 14 Jahre zugenommen. Heute hat ein neugeborenes Mädchen die Aussicht auf eine Lebenserwartung von durchschnittlich 83,3 Jahren, bei den Jungen sind es 78,6 Jahre. Auch künftig dürfte die Lebenserwartung der Menschen in Baden-Württemberg etwa durch medizinische Fortschritte weiter ansteigen. Für die Bevölkerungsvorausrechnung wird eine Zunahme bis zum Jahr 2060 um rund sechs bis sieben Jahre angenommen. Damit wird unterstellt, dass sich der künftige Anstieg bei der Lebenserwartung im Vergleich zu den letzten Jahrzehnten abschwächen wird.

Zu- und Fortzüge über die Landesgrenze

Die Wanderungsgewinne des Landes haben sich seit 2001 deutlich verringert. Seinerzeit lag der landesweite Wanderungsgewinn bei rund 69 000 Personen, in 2005 waren es noch etwa 18 000 und im Jahr 2008 lediglich 4 400. Es wird für die Zukunft angenommen, dass Baden-Württemberg nach wie vor ein Zuwanderungsland bleiben wird, auch wenn die hohen Wanderungsgewinne zu Beginn des Jahrzehnts wohl nicht mehr erreicht werden. Etwa ab dem Jahr 2012 könnten die Wanderungsgewinne wieder etwas ansteigen, da dann die 10 Mitgliedsstaaten, die 2004 der EU beigetreten sind, die volle Freizügigkeit erhalten werden. Vor diesem Hintergrund geht die Hauptvariante von einem jährlichen Wanderungsgewinn des Landes von 5 000 Personen in den Jahren 2009 bis 2011 und für die Folgejahre von +10 000 aus. Ein zweiter Rechenansatz, die sogenannte Nebenvariante, orientiert sich stärker an der längerfristig vergangenen Entwicklung und berücksichtigt auch Schwankungen in der Höhe der Wanderungsströme. Ab dem Jahr 2012 werden hier Nettozuwanderungen von rund 20 000 Personen pro Jahr zu Grunde gelegt.

Bevölkerungsvorausrechnungen dürfen nicht als »Vorhersagen« missverstanden werden. Ihr Zweck liegt vor allem darin zu zeigen, wie sich die Bevölkerung unter den getroffenen Annahmen über die weitere Entwicklung von Zu- und Abwanderung sowie Geburten und Sterbefällen verändern würde. Es handelt sich um «Wenn – Dann«- Aussagen. Die Annahmen der aktuellen Vorausrechnung orientieren sich sowohl an Erfahrungen aus den längerfristigen Entwicklungen der Vergangenheit als auch an den jüngst eingetretenen Bevölkerungsveränderungen.

(Stat. Landesamt)