Sign In

Welcome, Login to your account.

Wirtschaft | Do, 04.02.2010 09:36

Jeder dritte Mittelständler noch nicht für den Aufschwung gerüstet

Immer mehr Mittelständler sehen Licht am Ende des Tunnels: 38 Prozent der Unternehmer erwarten eine Verbesserung der eigenen Geschäftslage, sogar 48 Prozent glauben, dass sich die konjunkturelle Lage in Deutschland verbessert. Die Investitionsbereitschaft steigt hingegen kaum – zudem wollen die mittelständischen Unternehmen im laufenden Jahr die Zahl der Mitarbeiter reduzieren. Mit ihrer vorsichtigen und abwartenden Haltung drohen die deutschen Unternehmen den Anschluss zu verpassen, wenn die weltweite Konjunktur wieder an Kraft gewinnt.


Das sind Ergebnisse des „Mittelstandsbarometers 2010“ der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young. Die Studie wird halbjährlich durchgeführt, ihr liegt eine Umfrage unter 3.000 mittelständischen Unternehmen in Deutschland zugrunde, die im Dezember 2009 durchgeführt wurde.

Die mittelständischen Unternehmen sind der Meinung, dass das Schlimmste überstanden ist: Der Anteil der Befragten, die eine Verbesserung ihrer Geschäftslage erwarten, steigt im Vergleich zum Juni des vergangenen Jahres von 29 auf 38 Prozent. Eine Verschlechterung der eigenen Lage erwarten hingegen nur 11 Prozent. Und auch die Konjunkturerwartungen haben sich weiter verbessert: 48 Prozent der Unternehmer erwarten eine Verbesserung der Wirtschaftslage in Deutschland (Juni 2009: 32 Prozent) – einen Abschwung erwarten nur noch 21 Prozent der Befragten (Juni 27 Prozent).

„Die Krise ist zwar noch nicht vorbei, aber der Schmerz lässt langsam nach“, kommentiert Peter Englisch, Partner bei Ernst & Young. „Über den Berg  sind viele Mittelständler aber trotz der leichten Konjunkturerholung noch nicht“. Die kommenden Monate würden nach seiner Einschätzung eine weitere Verbesserung der Lage bringen – „für eine Entwarnung ist es aber noch zu früh“.

Die Mehrheit der Unternehmen ist trotz der schlechten Wirtschaftslage derzeit in einer relativ stabilen Verfassung: Knapp jedes dritte Unternehmen (29 Prozent) ist in einem sehr stabilen Zustand, weitere 63 Prozent bezeichnen die eigene Situation als „eher stabil“. Acht Prozent sind nach eigener Auskunft derzeit in einer kritischen Lage – im Juni 2009 lag der Anteil noch bei 12 Prozent. Die Befragten sehen im Durchschnitt das Ende der Krise für Juni 2011 voraus. Immerhin jeder zweite geht sogar davon aus, dass die Krise bereits in diesem Jahr vorüber sein wird.

Die prognostizierte Verbesserung der Wirtschaftslage wird allerdings nicht verhindern können, dass die Zahl der Unternehmensinsolvenzen gerade im Mittelstand weiter steigt, meint Englisch: „Selbst wenn jetzt wieder eine leichte Erholung festzustellen ist – ein Produktionseinbruch wie es ihn 2009 gegeben hat, hinterlässt deutliche Spuren. Es wird noch mindestens zwei Jahre dauern, bis wir beim Produktionsvolumen wieder auf dem Stand vor der Krise sind. Eine solche Unterauslastung der Kapazitäten beschleunigt die Marktbereinigung“, so Englisch.

Zudem wird die steigende Zahl von Insolvenzen auch bislang gesunde Unternehmen in Schwierigkeiten bringen. „Forderungsausfälle können durchaus zu existenzbedrohenden Situationen führen“, so Englisch. Einigen Unternehmen wird auch die wachsende Zurückhaltung der Banken bei der Kreditvergabe zum Verhängnis: „Wer schon vor der Krise Probleme hatte, kann jetzt kaum noch auf Entgegenkommen von Seiten der Banken hoffen. Die Banken sind bei der Kreditvergabe zu Recht sehr vorsichtig geworden. Für einige mittelständische Unternehmen wird die Zeit wird knapp.“, berichtet Englisch.

Sollte keine deutliche Verbesserung der Wirtschaftslage eintreten, könnten daher zahlreiche Unternehmen gefährdet sein: Bei jedem zehnten Unternehmen würde das Ausbleiben eines nachhaltigen Aufschwungs zu existentiellen Problemen führen – nur jedes zweite Unternehmen sieht sich derzeit gefeit gegen die Auswirkungen der Krise. In den ostdeutschen Bundesländern ist die Situation besonders schwierig: Jeder sechste ostdeutsche Mittelständler befände sich in einer kritischen Situation, wenn es in den kommenden sechs Monaten nicht zu einer durchgreifenden Verbesserung der Wirtschaftslage kommt.

Nach wie vor planen die mittelständischen Unternehmen sehr vorsichtig: Zwar wollen 15 Prozent der Unternehmen im kommenden Halbjahr zusätzliche Mitarbeiter einstellen, der Anteil der Unternehmen, die die Zahl der Beschäftigten reduzieren wollen, ist mit 18 Prozent aber etwas höher. Per Saldo ist daher mit einem leichten Rückgang der Beschäftigtenzahl im deutschen Mittelstand zu rechnen, keineswegs aber mit einem starken Anstieg der Arbeitslosigkeit.

Auch bei den Investitionen wollen die Mittelständler weiterhin Zurückhaltung walten lassen: 23 Prozent der Befragten planen, die Investitionsausgaben im kommenden Jahr zu erhöhen, 16 Prozent wollen sie reduzieren. Die große Mehrheit aber – 61 Prozent – hat vor, die Investitionsausgaben auf dem aktuellen (niedrigen) Niveau zu belassen.

Obwohl die Zuversicht langsam zurückkehrt, agieren die deutschen Mittelständler nach wie vor sehr zurückhaltend und versuchen, möglichen Risiken aus dem Weg zu gehen. Zwei von drei deutschen Mittelständlern setzen derzeit nicht auf Wachstum, sondern konzentrieren sich darauf, das Kerngeschäft zu stabilisieren. An einer Erweiterung der Produktpalette arbeitet nur jedes dritte Unternehmen. Eine Internationalisierungsstrategie verfolgt sogar nur jedes vierte Unternehmen.

„Die Mehrzahl der Unternehmen verfolgt derzeit konservative Strategien: Risiken werden vermieden, eine Expansion steht für die meisten Mittelständler nicht auf der Tagesordnung“, berichtet Englisch. Der Grund sei das nach wie vor mangelnde Vertrauen der Unternehmer: „Viele mittelständische Unternehmer trauen dem Frieden nicht und gehen vorerst auf Nummer Sicher – sie wollen vermeiden, womöglich einem neuerlichen Konjunktureinbruch zum Opfer zu fallen“. Aggressive Wachstumsstrategien, das Eingehen unternehmerischer Risiken, die Erschließung neuer Märkte – nur eine Minderheit der deutschen Mittelständler geht derzeit in die Offensive und sucht nach neuen Marktchancen, beobachtet Englisch. „Diese Haltung ist zwar verständlich, in der Summe aber auch gefährlich“.

Der deutsche Mittelstand befinde sich derzeit in Wartestellung und drohe, den Anschluss zu verpassen, warnt Englisch. „Der Schock der Krise sitzt immer noch tief. Dennoch sollten die Unternehmen, die dazu in der Lage sind, schnellstmöglich wieder auf Wachstum umschalten. Nach unserer Berechnung ist jeder dritte deutsche Mittelständler derzeit nicht für den Aufschwung gerüstet. In anderen Länder und Regionen – allen voran den Schwellenländern – bringen sich die Unternehmen längst wieder für den kommenden Aufschwung in Stellung.“

„Der deutsche Mittelstand hat bewiesen, dass er mit der Krise sehr gut fertig werden kann. Aber jetzt muss er zeigen, dass er auch für den Aufschwung gerüstet ist“, fordert Englisch.

(Ernst & Young)