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Wirtschaft | Mo, 25.10.2010 09:41

Viele ungenutzte Liquiditätsreserven im deutschen Mittelstand

Die Liquiditätspolster vieler Unternehmen sind durch die Krise aufgezehrt. Um die wieder anziehende Nachfrage bedienen zu können, müssen Unternehmen aber in Vorleistung treten. Das ist über die Aufnahme von Fremdkapital am Kreditmarkt momentan vergleichsweise schwierig und teuer. Alleine der deutsche Mittelstand benötigt für die Zeit bis 2012 rund 60 Mrd. Euro zum Kauf von zusätzlichen Rohstoffen, Betriebsmitteln und Investitionsgütern. Working Capital Management, also das Management von Beständen, Forderungen und Verbindlichkeiten, wird daher im deutschen Mittelstand immer wichtiger.


Roland Berger Strategy Consultants und Creditreform haben in der Studie "Working Capital im Mittelstand" das Liquiditätsmanagement von 2.500 Unternehmen untersucht und die Ergebnisse in ausführlichen Interviews mit mehr als 300 Führungskräften vertieft. Fazit: Die deutschen Mittelständler haben zwar schon deutlich aufgeholt, doch das ungenutzte Potenzial ist immer noch enorm. Die Mittel, um die eigene Liquidität zu sichern, liegen oft im Unternehmen selbst. Über alle Branchen bleiben rund 120 Mrd. Euro an Liquiditätsreserven ungenutzt.

"Die meisten Unternehmen haben ihr Liquiditätsmanagement in der Krise schon deutlich verbessert", sagt Roland Schwientek, Partner im Kompetenzzentrum Operations Strategy bei Roland Berger Strategy Consultants. "Die durchschnittliche Kapitalbindungsdauer ist unserer Untersuchung zufolge zwischen 2006 und 2009 immerhin von 64 auf 56 Tagen gesunken." Auch ging der Anteil verspäteter Zahlungen zurück. Waren 2007 noch fast 40 Prozent der Zahlungen verspätet, so sind es heute weniger als 20 Prozent. "Ein Zeichen für professionelleres Forderungsmanagement, aber auch Ausdruck der verbesserten wirtschaftlichen Lage" sagt Dr. Carsten Uthoff, Geschäftsführer bei Creditreform. "Die mittelständischen Unternehmen sind inzwischen deutlich sensibler für das Thema Forderungsmanagement geworden und sie fragen stärker nach der Seriosität ihrer Kunden".

Allerdings gibt es noch deutliche Unterschiede zwischen Großunternehmen und der mittelständischen Wirtschaft: Das Kapital großer Firmen ist im Schnitt nur halb so lange gebunden wie in kleinen Unternehmen. "Der deutsche Mittelstand hat noch jede Menge nachzuholen", sagt Schwientek. "Oder positiv ausgedrückt: Er hat noch gigantische interne Liquiditätsreserven. Das ist besonders in Zeiten, in denen die externe Finanzierung für Mittelständler schwieriger wird und Mezzanine-Finanzierungen 2011 in großem Umfang auslaufen, eine gute Nachricht."

Großunternehmen haben zwar einerseits Vorteile durch ihre Verhandlungsmacht im Einkauf, andererseits widmen viele kleinere Unternehmen dem Thema Working Capital Management bislang aber auch noch zu wenig Aufmerksamkeit. "Das Thema ist bei jedem Unternehmen mit mehr als 200 Mio. Euro Jahresumsatz auf der Tagesordnung - bei Kleinstunternehmern spielt es fast keine Rolle", sagt Schwientek. "Große Konzerne betreiben ihr Liquiditätsmanagement heute professionell - mit klaren Verantwortlichen, Kennzahlen und Optimierungsinitiativen. Der klassische Mittelständler konzentriert sich dagegen oft noch rein auf Umsatz- und Wachstumskennzahlen." Die mittelständischen Unternehmen werden sich künftig intensiver mit der Beschaffung von Liquidität befassen müssen. "Die eigene Zahlungsfähigkeit wird nicht zuletzt vom Zahlungsverhalten der Kunden beeinflusst", sagt Dr. Uthoff von Creditreform.

Große Unterschiede bestehen der Studie zufolge zwischen einzelnen Branchen: So haben Nahrungsmittelhersteller (26 Tage) und Papierproduzenten (43 Tage) im Branchenvergleich die geringste Kapitalbindungsdauer, Maschinenbauer (79 Tage) und Bekleidungshersteller (86) die höchste. Auch innerhalb der Branchen klafft eine Lücke zwischen Unternehmen mit hoher und niedriger Kapitalbindungsdauer. Beispiel Maschinenbau - Eine Reihe von Unternehmen arbeiten mit einer nur halb so hohen Kapitalbindungsdauer wie der Durchschnitt der Branche während die schlechtesten eine bis zu sechsmal so hohe Kapitalbindungsdauer haben. Über alle Branchen bleiben rund 120 Mrd. Euro an Liquiditätsreserven ungenutzt.

Die Studie zeigt auch, dass die meisten Mittelständler die Entwicklung der Kapitalbindung in ihrem Unternehmen positiver sehen als dies die Zahlen rechtfertigen. Fast 90% der Teilnehmer glauben, ihr Forderungsmanagement habe sich in den vergangenen drei Jahren deutlich verbessert oder sei zumindest auf gleichem Niveau wie 2007. Die Analyse der Bilanzkennzahlen zeigt aber, dass das nur auf zwei Drittel der Mittelständler tatsächlich zutrifft - das restliche Drittel hat sich sogar signifikant verschlechtert. "Das Forderungsmanagement setzt immer zu einem relativ späten Zeitpunkt ein" sagt Dr. Uthoff. "Um von den ungenutzten Potenzialen in der Zukunft langfristig zu profitieren, müssen die Unternehmen ihre Abläufe noch stärker integrieren."

Die Möglichkeiten eines professionellen Working Capital Managements sind für viele Mittelständler interessant, bleiben aber häufig noch ungenutzt. So kann bereits eine Verkürzung der Kapitalbindungsdauer um fünf bis zehn Prozent (je nach Ausgangslage) den kompletten Finanzierungsbedarf, den eine Umsatzsteigerung um zehn Prozent mit sich bringt, abfedern und damit die externe Kreditaufnahme deutlich senken. Die Studie zeigt, dass die Unternehmen, die ihre Liquidität aktiv managen, damit eine Senkung der Kapitalbindung von zehn Prozent und mehr erreicht haben. "Die Bedeutung eines aktiven Working Capital Managements sehen branchenübergreifend immer mehr Mittelständler, auch wenn bisher nur ein Drittel der Unternehmen das Thema aktiv voran treiben" sagt Schwientek. "Effektive Wege, um schnell Liquidität freizusetzen sind zum Beispiel ein automatisiertes Forderungsmanagement und niedrigere Bestände durch eine optimierte Auftragsplanung". Dr. Uthoff: "Künftig wird auch ein professionelleres Screening der Kundenbasis im Hinblick auf ihre Kreditwürdigkeit eine wichtigere Rolle spielen".

(Redaktion)